Aus dem Corona-Alltag einer Waldorf-Familie

Eine Omi beobachtet aus der Ferne, wie ihr Enkelsohn Aaron und seine Familie die Tage in Zeiten des Corona verbringen.

Nach dem Anziehen und dem  gemeinsamen Frühstück mit den Eltern und seinen zwei kleineren Geschwistern beginnt Aarons „Schultag“. Aaron geht in die zweite Klasse und liebt Rechnen. Also beginnt er damit und  rechnet  zuerst mal zwei Seiten im Rechenheft aus. Am meisten freut er sich immer auf die Kopfnüsse, Rechenrätsel, die im Heft reichlich vorkommen. Es bereitet ihm großes Vergnügen ganz alleine die Lösung zu finden. Manchmal ist er dabei schneller als seine Mama und seine Denkwege sind oft sehr kreativ.

Eigentlich hätte die Klasse jetzt wohl eine Fabelepoche gehabt, ja und auch die ist nun möglich: Jeden Tag schickt die Klassenlehrerin eine neue Fabel für die Kinder. Bevor diese aber vorgelesen wird, erzählt Aaron die vom gestrigen Tag seiner Mama nach. So wird es ja auch im Unterricht gehandhabt: Der Stoff von gestern, der durch die Nacht gegangen ist, wird noch einmal heraufgeholt und bewusst gemacht und meist in ein Bild gebracht.

Während Aaron nun  der neuen Fabel lauscht, häkelt er an seinem Flötenbeutel. Meist sitzt er, wie seine Mama erzählt,  aber ganz in das Gehörte versunken und das Häkeln kommt zu kurz. Und jeden Tag schickt die Klassenlehrerin ein Rechenrätsel mit, das in eine Geschichte gekleidet ist, die jeweils von einem Kind der Klasse handelt. Welch wunderschöne Idee!

Damit nicht genug, wird nun noch kurz das 1×1 mit Seilspringen geübt.  Nach dem Mittagessen erfolgt noch, auch im Auftrag der Klassenlehrerin, ein kleiner Eintrag in Aarons „Tagebuch“: Vor zwei Wochen sind sechs kleine Küken geschlüpft, über die Aaron nun jeden Tag ganz kurz etwas schreibt und ein Bild malt. Das ist nicht so lustig, das wird  schnell absolviert. Gestern schrieb er: „Die Küken picken mit der Glucke“.

Während Aaron lernt, malen, basteln oder spielen seine kleinen Geschwister, dann ist frei. Aaron liest gerne  und hat nun schon das dritte Buch in Arbeit. Da versinkt er ganz in eine andere Welt.    Und:  Gott sei Dank haben sie einen Garten ums Haus, in den die Kinder  nun hinauskönnen.

Aarons Papa hat sich im Keller ein Büro eingerichtet, in dem er im Home-Office arbeitet. Wenn Mama zur Arbeit fährt, kann er sich ganz den Kindern und dem Haushalt widmen. Wenn sie heimkommt, verschwindet er im Keller. Jeden Dienstag fährt er auf große Einkaufstour und versorgt seine betagte Nachbarschaft mit Lebensmitteln.

Die Mama ist so etwas wie eine Heldin: Sie arbeitet in einer caritativen Gesundheitseinrichtung. Dreimal die Woche radelt sie zur Arbeitsstelle, wo sie sich mit Arbeitskleidung, Schutzmaske und Handschuhen vor Corona schützt. Beim  Hinfahren  beschleicht sie öfters ein beklemmendes Gefühl, die Frage, ob an diesem Tag vielleicht der erste Corona-Fall auftreten wird. Die Erleichterung beim Heimfahren, wenn wieder ein Tag gut verlaufen ist, ist verständlich.

So klappt alles recht gut, nur merkt die Mama, dass Aaron etwas fehlt .Nach einigen Tagen der Ruhe fehlen ihm seine Freunde, das Kräftmessen, das Kartentauschen, die Klassengemeinschaft nun schon sehr. Er sucht Abwechslung  und macht manchmal, wie seine Mama sagt, Blödsinn. So war plötzlich die Süßigkeitenlade geplündert, das Tablett versteckt oder er nervt nur aus Spaß seine Geschwister.

Mir als Oma gehen die Kinder sehr ab, bin ich doch sonst drei Tage in der Woche bei ihnen und ich kann den Tag kaum erwarten, an dem ich wieder zu ihnen darf. Aber ich bin so stolz auf sie, wie gut sie diese schwere Zeit bewältigen, obwohl  mir bewusst ist, dass sie es durch ihre Wohnsituation leichter haben als viele andere. Ich wünsche allen unseren Eltern und Kindern viel Kraft und Optimismus.

Anita Hofmann