Von zu Hause aus geplaudert….April 20

Die ganze Welt ist momentan mit einem Thema befasst. Ich würde es gerne, Phänomene sammelnd, mit Waldorfpädagogik in Verbindung bringen. Das Coronavirus lenkt unseren Blick auf die Atmung. Covid-19 ist eine Atemwegserkrankung, die schwer Erkrankten brauchen beim Atmen Unterstützung. Unser aller Bewusstsein wird durch das Tragen von Gesichtsmasken auf das Atmen gelenkt. Persönlich bin ich schon jahrelang durch einen chronischen Reizhusten bei diesem Thema „vorbelastet“.

Am Beginn seiner pädagogischen Vorträge sagt Rudolf Steiner: „…die Erziehung wird darin bestehen müssen, richtig atmen zu lehren.“ Das Atmen, wie es die Waldorfpädagogik versteht, ist natürlich vor allem als seelischer Vorgang gemeint, der aber innig zusammenhängt mit dem physischen Atmen. Unsere Sprache kennt diesen Zusammenhang als Metaphern vor allem für Fälle, wo man „außer Atem“ kommt. Ein „atemloser“ Krimiplot, vor Angst „stockte der Atem“, ein „schwerer Seufzer“, „jetzt gönn‘ dir doch mal Zeit zum Ausatmen!“, … usw.

Der Atem vermittelt zwischen Innen und Außen, er ist ein rhythmisches Wechselspiel von Anspannung und Entspannung, er nimmt unsere Gefühle unmittelbar in seinen Rhythmus auf, im Weinen und Schluchzen rhythmisiert er die Einatmung, im Lachen die Ausatmung, der erste Atemzug bei der Geburt ist ein einatmender Inkarnationsschritt, der letzte beim Tod ist ausatmendes Loslassen. – Alles Lebendige atmet ohnehin, wieso sollen wir es lehren?

Das Coronavirus lenkt unseren Blick unweigerlich auf die Atemluft und das Leben der gesamten Erde. Wir registrieren die erstaunliche Luftverbesserung in der Region Peking, wir bewundern den kondensstreifenfreien Frühlingshimmel, nachdem wir zuvor von riesigen Bränden in Australien und von weiteren Abholzungen in der „Lunge der Erde“ im Amazonasregenwald hören mussten. Uns wird bewusst, dass alles Leben auf der Erde unweigerlich zusammenhängt. Der Umgang mit Fledermäusen in Wuhan hat direkten Einfluss auf das Zusammenleben in Ischgl. Der nun erzwungene Stillstand im öffentlichen Leben kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir zuvor „atemlos“ gelebt haben, dass wir in dieser Beziehung also durchaus noch etwas zu lernen haben. Was ist für dieses Lernen nötig?

Waldorfunterricht möchte im einzelnen Unterricht, im Zusammenspiel der Fächer am Tag, in der Woche, im Leben mit den Jahreszeiten das Ein- und Ausatmen bewusst gestalten. Gerade im Atmen merken wir, ob wir zu etwas gezwungen werden oder ob wir „Luft zum Atmen“ haben. Im von den Lehrenden angeleiteten Wechselspiel zwischen Aktivität und Besinnung, zwischen erwärmendem Draufzugehen und kühler Betrachtung, zwischen Erröten und Erblassen muss der Wind der Freiheit wehen. Zum Atmen lehren gehört aber auch ganz wesentlich, dass wir in jedem Unterricht die Beziehung zwischen Innen und Außen in den Blick nehmen. Jeder Unterrichtsstoff ist in irgendeiner Form Begegnung mit der Welt, mit dem Außen; und jede dieser Begegnungen macht etwas in unserem Inneren, die Frage ist, ob wir das bemerken. Deshalb haben wir uns in der Waldorfschule angewöhnt solche Dinge zu sagen wie: „Moment mal“, „nicht so schnell“, „schau genau hin“, „schlafen wir nochmal drüber“, „lass dir Zeit“ oder gar „das darfst du ruhig vergessen!“  Wir wissen, dass wir der inneren Verarbeitung des Aufgenommenen, der „Verdauung“ des Gehörten Zeit und Raum geben müssen und dass dabei der Schlaf die allerwichtigste Rolle spielt.

Momentan werden wir zu einem gewissen Innehalten gezwungen. Aber finden wir dabei wirklich eine innere Ruhe? Lernen wir als Gesellschaft daraus etwas oder machen wir danach genauso weiter?

Im Morgenspruch der Klassen 5-12 werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es gut ist, die beiden Blickrichtungen nach innen und nach außen in einer unegoistischen und überpersönlichen Weise zu gestalten: „… Der Gottesgeist, er webt im Sonn- und Seelenlicht, im Weltenraum da draußen, in Seelentiefen drinnen. …“

Wir müssen diesen Satz nicht im herkömmlichen Sinn religiös interpretieren. Wir können es auch als Mahnung zu einer „achtsamen“ Haltung sehen. Wir könnten diesen Satz – egal ob als SchülerIn oder LehrerIn –  auch umformulieren zu einem persönlichen Vorsatz:

„Die Außenwelt, die Stoffgebiete, mit denen ich mich befasse, die Erfahrungen, die Sinneswahrnehmungen, die auf mich zukommen, die Menschen, die mir begegnen, ich sehe sie alle an und nehme ehrfurchtsvoll und aufmerksam hin, wie sie sind. In meinem Inneren aber kann ich ebenso dem Überpersönlichen begegnen, ich habe die geistigen Kräfte, die es mir ermöglichen ein sachgemäßes Verständnis in die wahrgenommenen Zusammenhänge zu entwickeln. Dabei kann ich auch bei meiner Innenbeschäftigung recht gut unterscheiden, welche Gedanken aus meiner persönlichen Befindlichkeit oder aus meinen Vorurteilen herrühren und welche Gedanken einer Sache, einem Lebewesen oder einem Menschen gerecht werden. Je mehr ich dabei von mir selber absehe, je selbstloser ich einerseits wahrnehme und andererseits darüber denke, umso mehr kann es zu wirklichen Begegnungen kommen.“

Wenn wir so sprechen, haben wir unversehens das Gebiet des Unterrichtes verlassen und stehen mitten im menschlichen Leben. Das wirkliche Leben macht uns klar, dass wir das alles ja sicher nicht können. Der hohe Anspruch darf ja auch nicht zur Moralkeule werden, die uns erschlägt. Dennoch sollen wir wissen, wohin der Weg gehen soll. Es ist der Waldorfweg des Lernens. Die Befassung mit dem Außen und dem Innen muss zu einem ständigen Wechselspiel zwischen Erfahrung und Besinnung, zwischen Eindruck und Ausdruck werden, und das verweist uns wieder auf die elementare Bedeutung  des Atmens.

Michael Stransky